Nachttauchen: Ein Leitfaden für Einsteiger in die Unterwasserwelt nach Einbruch der Dunkelheit
Der erste Nachttauchgang ist fast immer überraschender als beängstigend. Du tauchst ab, dein Lampenkegel beleuchtet einen schmalen Ausschnitt des Riffs, und das Riff sieht ganz anders aus als heute Nachmittag. Die Korallenpolypen sind ausgefahren — weiße, durchscheinende Tentakel, vollständig ausgebreitet, um vorbeitreibendes Plankton zu fangen. Etwas bewegt sich. Etwas jagt. Etwas ist riesig.
Nachttauchen ist eine der lohnendsten Spezialdisziplinen im Freizeittauchen und technisch deutlich weniger anspruchsvoll, als die meisten Taucher vor dem ersten Versuch annehmen.
Warum nachts tauchen?
Die kurze Antwort: andere Tiere, anderes Verhalten. Die meisten Jäger des Riffs sind nachtaktiv.
- Muränen verlassen ihre Höhlen und patrouillieren aktiv über das Riff
- Oktopusse kommen heraus und jagen Krabben, wobei sie sich bewegungs schillernde Farbveränderungen zeigen
- Spanische Tänzerinnen — einige der größten und spektakulärsten Nacktschnecken — erscheinen nur nach Einbruch der Dunkelheit
- Krebstiere (Hummer, Krabben, Garnelen) kommen aus ihren Verstecken; biolumineszente Muschelkrebse blitzen blaugrün, während sie laichen
- Jagende Weißspitzen-Riffhaie durchstreifen das Riff in koordinierten Gruppen und stochern in Spalten nach schlafenden Fischen
- Schlafende Papageifische finden sich regungslos in Schleimkokons, die sie jeden Abend absondern
- Plankton-Biolumineszenz — die Hand langsam bewegen und beobachten, wie blaugrüne Funken von den Fingern wegstieben
Ausrüstung
Du brauchst eine Hauptlampe und eine Backup-Lampe. Die meisten Tauchbasen verlangen diese Kombination aus Sicherheitsgründen.
- Hauptlampe: mindestens 500–1.000 Lumen; aufladbar oder mit C/D-Zellen; sowohl breiter als auch fokussierter Lichtkegel sind nützlich
- Backup: jede kleine, funktionierende Lampe; klipse sie so an dein BCD, dass du sie einhändig erreichen kannst
- Lampensignale: Lerne sie vor dem Tauchgang. Ein langsamer Kreis bedeutet OK; schnelle Kreise bedeuten 'Achtung/Problem'. Niemals einem anderen Taucher in die Augen leuchten.
- Knicklichter oder Heckleuchten: Klipse eines an dein Flaschenventil, damit dein Buddy dich von hinten sehen kann
Wie man navigiert
Beginne mit einem Spot, den du tagsüber schon getaucht hast. Kenne Ein- und Ausstiegspunkte. Viele Nachttaucher verwenden beim Aufstieg eine Surface Marker Buoy (SMB). Folge der Riffkante, statt im offenen Wasser zu schwimmen.
Wenn du die Orientierung verlierst, geh nach oben — nicht direkt an die Oberfläche, sondern steige langsam auf und halte nach dem Licht deines Buddys und dem Oberflächenleuchten deines Bootes Ausschau. Vor Anker liegende Boote sollten eine Tauchlampe als Referenz im Wasser hängen haben.
Was du nicht tun solltest
- Keine Panik, wenn etwas durch deinen Lichtkegel schwimmt. Barrakudas und Haie sind neugierig auf Licht und werden es untersuchen — das ist normal. Sie jagen dich nicht.
- Leuchte nicht auf schlafende Fische. Du kannst dich bis auf wenige Zentimeter an einen schlafenden Papageifisch heranbewegen, ohne ihn zu wecken, aber ein direkter Lichtstrahl lässt ihn auffahren und ruiniert die Beobachtung.
- Trenne dich nicht von deinem Buddy. Die Standard-Buddy-Regel gilt; nachts gilt sie strenger.
Die besten Spots für Nachttauchgänge
- USAT Liberty, Tulamben (Bali): Spanische Tänzerinnen, Muränen, Nacktschnecken — das Wrack verwandelt sich völlig
- Koh Tao, Thailand: flach, ruhig, berechenbar — ideal für die ersten Nachttauchgänge
- Bonaire-Strandtauchgänge: die gesamte Küste ist zugänglich; Salt Pier bei Nacht ist herausragend
- Lembeh-Straße (Indonesien): Nacht-Muck-Diving — die Critter-Hauptstadt nach Einbruch der Dunkelheit
- Heron Island (Australien): Korallenlaich-Events; jagende Weißspitzen; Unechte Karettschildkröten am Strand