Was im Mittelohr in der Tiefe passiert
Das Mittelohr ist ein luftgefüllter Raum hinter dem Trommelfell, der über die Eustachische Röhre — einen engen Kanal, der sich beim Schlucken oder Gähnen kurz öffnet — mit dem Rachen verbunden ist. An der Oberfläche läuft das unbemerkt und automatisch ab. Unter Wasser steigt der Druck mit der Tiefe (1 bar pro 10 Meter), und der Außendruck übersteigt schnell den Druck im Mittelohr, was das Trommelfell nach innen drückt. Ohne Druckausgleich entsteht Schmerz, dann ein Barotrauma — eine Quetschung oder ein Riss des Trommelfells.
Das Trommelfell kann schon in geringen Tiefen (3–4 Meter) reißen, wenn Taucher trotz Schmerz weiter abtauchen. Ein gerissenes Trommelfell lässt kaltes Wasser ins Mittelohr und verursacht plötzlichen, heftigen Schwindel — eine gefährliche Lage in der Tiefe.
Das Valsalva-Manöver — und seine Grenzen
Jeder Taucher lernt im Open-Water-Kurs das Valsalva-Manöver: Nase zuhalten und sanft gegen den Widerstand pressen. Das erhöht den Druck im Nasenrachen, drückt die Eustachische Röhre auf und lässt Luft ins Mittelohr.
Valsalva funktioniert — hat aber einen entscheidenden Nachteil. Es funktioniert nur, solange die Eustachische Röhre nicht bereits geschwollen oder blockiert ist. Wer abtaucht, bis er Schmerz spürt, und dann Valsalva versucht, hat eine durch den Druckunterschied bereits verformte Röhre, deren Öffnung mehr Kraft erfordert, als sicher ist. Früh und häufig ausgleichen — bevor du Unbehagen spürst.
Die Frequenz: alle 0,5–1 Meter Abstieg, besonders in den ersten 5 Metern, wo die Druckveränderung pro Tiefeneinheit am größten ist.
Bessere Techniken
Toynbee-Manöver: Nase zuhalten und gleichzeitig schlucken. Schlucken öffnet die Eustachische Röhre vom Rachen her; das Zuhalten der Nase schließt die Nasenlöcher. Sanfter als Valsalva und weniger riskant, wenn man zu kraftvoll ausführt.
Frenzel-Manöver: Stimmritze schließen (Stimmbänder — eine Art unterdrücktes Brummen) und mit dem hinteren Zungenrücken den Nasenrachen unter Druck setzen, wie beim Bilden eines 'K' oder 'G', während die Nase zugehalten wird. Das ist die Technik kompetitiver Apnoetaucher und erfahrener Sporttaucher — schneller, geringerer Druck, möglich mit Mundstück. Es braucht Übung, die Zunge vom Kiefer zu isolieren.
Edmonds-Technik: Kombination aus Vorschub des Unterkiefers (öffnet die Eustachische Röhre mechanisch) und Valsalva. Hilfreich für Taucher, denen Valsalva unzuverlässig erscheint.
Schlucken und gähnen: Schon das Schlucken oder Gähnen öffnet die Eustachische Röhre passiv. Manche Taucher kommen ausschließlich damit aus; es ist der natürlichste Ansatz, aber der schwächste.
Abstiegstechnik für Druckausgleichs-Probleme
- Mit den Füßen voran abtauchen statt kopfüber — die aufrechte Position erleichtert den Druckausgleich leicht
- Vor dem Druckgefühl ausgleichen — nicht erst als Reaktion darauf
- Wenn der Ausgleich auf einer Tiefe nicht klappt, 1–2 Meter aufsteigen und es bei kleinerem Druckdifferential erneut versuchen
- Niemals durch Schmerz weitermachen. Unbehagen ist eine Warnung; Schmerz ist ein Stoppsignal.
Wenn der Ausgleich versagt: Ursachen
- Verstopfung durch Erkältung, Allergie oder Nasennebenhöhlen-Infekt: Geschwollene Eustachische Röhren lassen sich nicht sicher öffnen. Mit akuter Verstopfung nicht tauchen. Abschwellmittel (z. B. Pseudoephedrin) helfen, lassen aber in der Tiefe nach — ein Rebound kann beim Aufstieg Luft im Mittelohr einschließen und einen Reverse Squeeze verursachen.
- Koffein und Alkohol: Beide können die Eustachische Röhre reizen. Vermeide sie am Vorabend eines Tages mit häufigen Abtauchungen.
- Horizontale Lage: Der Kopf-unten-Abstieg ist schwerer auszugleichen. Ein kontrollierter Vertikal- oder Kopf-oben-Abstieg gibt mehr Zeit für den Ausgleich, bevor sich Tiefe summiert.
Druckausgleich der Nasennebenhöhlen
Die Nasennebenhöhlen (Stirn, Kiefer, Sieb) gleichen normalerweise passiv über kleine Öffnungen zur Nasenhöhle aus. Verstopfung kann diese Öffnungen blockieren und zu einem Sinus-Squeeze führen — druckbedingter Schmerz an Stirn und Wangenknochen. Anders als beim Mittelohr gibt es keine aktive Technik für den Sinus-Ausgleich — sind die Öffnungen blockiert, hilft nur Aufsteigen, bis die Druckdifferenz handhabbar ist.
Chronische Sinusprobleme und Nasenpolypen prädisponieren Taucher zum Sinus-Squeeze und sollten bei wiederholtem Auftreten von einem HNO-Arzt untersucht werden.